Weihnachten.Anders.Schön

Heiligabend 2020 wird anders. Das ist seit Wochen offensichtlich. Es wird keine großen Gottesdienste mit Krippenspielen und der traditionellen Christvesper geben. Stattdessen wird es mehrere kleine Formate geben und diese werden auch unter freiem Himmel nur mit einer kleinen Anzahl von Menschen durchführbar sein. Wir müssen aber auch damit rechnen, dass die Infektionslage sich noch weiter zuspitzt und es deshalb gar keine live-Gottesdienste an Heiligabend geben wird. Diese Möglichkeit kann eventuell auch noch sehr kurzfristig eintreten.

Wir bitten, sich vorab gründlich zu überlegen, ob der Besuch des Präsenzgottesdienstes persönlich dringlich ist. Alle Gottesdienste aus der Kirche werden live per Zoom übertragen und stehen als Aufzeichnung im Anschluss auf Youtube zur Verfügung.

Damit Gottesdienstbesucher*innen im Vorfeld wissen, was sie erwartet, haben wir einige wichtige und häufig gestellte Fragen (FAQ) rund um die Gottesdienste an Heiligabend im Folgenden zusammengestellt und beantwortet. Änderungen erfahren Sie aktuell auf unserer Homepage und auch in unserem Newsletter, für den Sie sich hier anmelden können.
Für die Gottesdienste an den Feiertagen gelten die üblichen Regelungen.

FAQ

Wo finden Open-Air-Gottesdienste statt?

Am 24.12.20 plant die Friedensgemeinde insgesamt fünf OpenAir-Gottesdienste:
14:00 Uhr: Gärtnerei Stockert (Kapazität: max. 80 Personen aus max. 40 Haushalten)
15:00 Uhr: Michaelsbasilika (Kapazität: max. 70 Personen aus max. 35 Haushalten)
16:00 Uhr: Heiligenbergschule (Kapazität: max. 200 Personen aus max. 100 Haushalten)
17:00 Uhr: REWE-Parkplatz (Kapazität: max. 200 Personen aus max. 100 Haushalten)
18:00 Uhr: Grahampark (Kapazität: max. 200 Personen aus max. 100 Haushalten)
23:30 Uhr: Christmette in der Friedenskirche (Kapazität: 90 Personen) – Live-Übertragung auch per Zoom
Für alle Gottesdienst eine Anmeldung verpflichtend. Sie können sich hier online anmelden.

Muss ich mich vorab für einen Gottesdienst anmelden?

Ja, eine Anmeldung ist nötig. Die Anmeldung ist möglich ab Montag, 21. Dezember, und zwar direkt hier online oder per Telefon (Mo – Mi von 9 Uhr bis 12 Uhr unter 06221-6560236).

Wann ist Einlass?

Einlass ist jeweils ab 20 Minuten vor Beginn eines Gottesdienstes möglich. Nach Gottesdienstbeginn kann kein Einlass mehr gewährt werden.

Was findet in der Friedenskirche statt?

Die Friedenskirche wird von 14 bis 22:45 Uhr für Besucher*innen geöffnet sein. Der Raum ist mit Krippe, Weihnachtsbaum und Kerzen festlich geschmückt. Während dieser Zeit wird für unsere Gäste in regelmäßigen Abständen die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, Vokalsolist*innen singen Weihnachtslieder, es erklingt Kammer- und Orgelmusik. Maximal 30 Personen können sich gleichzeitig in der Kirche aufhalten. Auch hierfür gilt das Schutzkonzept Gottesdienst. Die Kontaktdaten der Besucher*innen müssen erhoben werden. Bitte nutzen Sie dafür das Kontaktdatenformular.

Welche Angebote gibt es für Kinder und Familien?

Alle Freiluftgottesdienste werden so gestaltet sein, dass sie eine kinderfreundliche Verkündigung inklusive Krippenspielszene enthalten.

Familien können sich ab 21.12.20 in der Friedenskirche eine „Weihnachten-zuhause-Tüte“ abholen. Diese Tüte enthält Weihnachtslieder, eine kleine Liturgie für den Heiligabend und eine Überraschung.

Welche Hygienebestimmungen gelten?

Bei allen Veranstaltungen (drinnen und draußen) gilt uneingeschränkte Maskenpflicht.
Unter den Hausgemeinschaften sind stets 2m Abstand einzuhalten. Bei den OpenAir-Gottesdiensten werden die Stehplätze durch Hütchen markiert. Pro Hütchen dürfen jeweils 2 Personen aus einer Hausgemeinschaft stehen.
Die Kontaktdaten aller Besucher*innen werden mit der Online-Anmeldung erfasst und für vier Wochen aufbewahrt.

Ich habe Krankheitssymptome, kann ich am Gottesdienst teilnehmen?

Nein. Bei Erkältungssymptomen bleiben Sie bitte zu Hause und schützen sich und andere.

Was passiert, wenn die Kapazitätsgrenzen einer Veranstaltung erreicht sind?

Wenn die maximale Personenzahl erreicht ist, gibt es keinen Einlass mehr. Ausnahmen können nicht gewährt werden. Den Anweisungen der zum Ordnungsdienst eingeteilten Personen ist unbedingt Folge zu leisten.

Ein Teil meiner Familie ist schon auf dem Gelände, ich selbst komme aber später?

Bitte haben Sie Verständnis, dass in diesem Fall kein Einlass gewährt werden kann. Bitte kommen Sie entsprechend ihrer angemeldeten Zahl gleichzeitig.

Was passiert, wenn die 7-Tage-Inszidenz auf über 300 steigt?

In diesem Fall finden keine Präsenzgottesdienste (auch nicht im Freien) statt. Das gilt auch für Heiligabend.

Gibt es alternative Angebote der Friedensgemeinde für zuhause?

Ja. Am 24.12.2020 wird in Kooperation mit den Heidelberger Gemeinden ein Online-Gottesdienst auf unserer Homepage abrufbar sein. Die Musik dazu wurde in der Friedenskirche aufgenommen.
Die Christmette um 23:30 Uhr übertragen wir per Zoom. Ebenso werden die Gottesdienste an den Feiertagen per Zoom zu übertragen.
Für die Andacht im Familienkreis gibt es entsprechende Weihnachten-zuhause-Tüten ab dem 21.12.2020 nachmittags zur Abholung in der Friedenskirche.
Für alleinstehende ältere Menschen werden Geschenketüten gepackt und in den Tagen vor Weihnachten in die Häuser verteilt.

Warum können Regelungen eventuell vom rechtlich Möglichen abweichen?

Als Friedensgemeinde schätzen wir die staatlich garantierte Religionsfreiheit und die Möglichkeit, Gottesdienste zu feiern. Wer Freiheiten in Anspruch nimmt, übernimmt aber auch Verantwortung für den Verzicht auf diese. Die konkreten Regelungen sind so gestaltet, dass sie für die ehrenamtlich Helfenden umsetzbar sind und dass sie Infektionspotentiale minimieren.

Weihnachten zuhause

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Wer als Familie das Weihnachtsfest unter diesen Bedingungen lieber zuhause feiern möchte, findet in der Friedenskirche ab 21. Dezember eine von 100 Tüten mit einer kurzen Hausliturgie, Liedern und Geschichten und einer Überraschung für eine weihnachtliche Gemeinschaftsaktion zuhause. Die Tüten dürfen kostenlos mitgenommen werden.

Uns bekannten Gemeindemitgliedern, die das Weihnachtsfest nicht im Familienkreis feiern können, sondern am Heiligabend womöglich allein zuhause sind, bringen wir in diesem Jahr „Weihnachten in der Tüte“ an die Haustür. Die Tüten wurden von Konfirmand*innen liebevoll gestaltet und von ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen sorgsam mit kleinen Schätzen bestückt. Wer beim Austragen der ca. 250 Tüten ab 22.12. helfen möchte, kann sich gerne noch im Pfarramt melden.

Sinn erleben, trotz allem

Resilienz: Eine Kraft in der Krise

Von Wolfgang Krüger

Seit einigen Jahrzehnten beschäftigen sich Psychologen mit einer wichtigen Frage: Wie kommt es, dass einige Menschen Krisen halbwegs unbeschadet überstehen oder daran sogar wachsen, während andere daran zerbrechen? Dies ist das Gebiet der so genannten Resilienzforschung. Sie beschreibt die psychische Widerstandskraft eines Menschen. Sechs entscheidende Faktoren beeinflussen unsere Resilienz:

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1. Schwierig ist es, wenn Menschen eine Krise – wie Corona – nur als Einschränkung sehen können und sich als Opfer fühlen. Denn tatsächlich: Alle Krisen sind auch eine Chance. Corona kann beispielsweise dazu führen, dass man mehr liest, Lebensprojekte realisiert, mehr zu sich kommt und den inneren Dialog pflegt.

2. Alle Krisen lassen sich leichter verkraften, wenn ich einen Sinn im Leben sehe. Es muss etwas geben, was größer ist als ich. Das hat der Begründer der Logotherapie, Viktor E. Frankl, im Konzentrationslager erlebt. Er beobachtete, dass vor allem die Kommunisten und die Religiösen überlebten, die sich nicht als Opfer von irrationalen Mächten empfunden haben.

3. Philosophen sind der Meinung, man könne Krisen nur mit Geduld überwinden. Geduld sei der eigentliche Prüfstein dafür, ob sich ein Mensch wirklich entwickelt hat. Das gilt vor allem in Krisen, die länger dauern als einige Monate. Dann sehen wir nämlich nicht mehr das Licht am Ende des Tunnels und müssen mit inneren Ängsten ringen, von denen wir überfallen werden.

4. Bei Krisen ist es wichtig, dass wir zusammenhalten und eine enge Bindung zu anderen Menschen spüren. Sigmund Freund war der Meinung, dass die Liebe dann die stärkste Antwort sei. Aber es können auch Freundschaften sein, die uns das Gefühl geben, im Leben nicht allein zu sein. Also Herzensfreundschaften, bei denen wir eine enge Verbundenheit mit anderen Menschen empfinden.

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5. Krisen können wir bewältigen, wenn wir demütig sind. In unserem heutigen Leben haben wir oft eine gewisse Überheblichkeit. Wir leben, als ob wir alles bestimmen könnten. Die Naturwissenschaft triumphiert, oftmals glaubt man, sich mit Geld alles kaufen zu können. Doch Corona zeigt uns, wie ohnmächtig wir sind. Und die Klimakatastrophe macht deutlich, welche Folgen es hat, wenn wir die grundlegenden Regeln der Natur missachten. Insofern können Krisen auch dazu führen, dass wir nachdenklich werden und jene Bescheidenheit erwerben, die von einer wirklichen inneren Größe getragen ist.

6. Krisen zeigen uns, was wichtig ist. Corona macht deutlich, wie schnell ein Leben enden kann und wie einzigartig und bedeutsam unser Dasein ist. Insofern ist Corona für uns eine Mahnung, uns von einem zu oberflächlichen Leben zu verabschieden und jeden Abend dafür dankbar zu sein, dass wir diesen Tag erleben durften. Dankbarkeit ist eine der stärksten Kräfte der Resilienz. Sie führt dazu, dass wir das Selbstmitleid überwinden, das leicht bei Krisen auftritt. Ich sehe dann nur noch mich und meine Einschränkungen und verliere das Gefühl dafür, wie gut es mir gelegentlich geht. Dankbarkeit dagegen lenkt den Blick auf das, was mir geschenkt ist und was – in allen Schwierigkeiten – doch gelingt.

Dr. Wolfgang Krüger ist Psychotherapeut in Berlin und Autor zahlreicher Bücher, unter anderem „So gelingt die Liebe“ und „Die Geheimnisse der Großeltern“.

Gemeinschaft bewahren – Digitales entwickeln

Ältestenkreis entwirft Zukunftsbild der Friedensgemeinde

Im Januar wurde der neugewählte Ältestenkreis in sein Amt eingeführt. Jedes Mitglied brachte eigene Ideen in das Leitungsgremium der Friedensgemeinde mit, doch die Corona-Krise sorgte zunächst dafür, dass in Online-Sitzungen vorrangig das Gemeindeleben unter Pandemiebedingungen gestaltet und organisiert werden musste. Für ein gemeinsames Kennenlernen, für den Austausch von Ideen, Visionen, Träumen und persönlichen Zielen im Amt blieb wenig Zeit. Um so schöner war es, dass am dritten Oktoberwochenende die lange geplante Ältestenklausur in Rastatt stattfinden konnte.

Zwei Tage lang nahmen sich die 15 gewählten Ältesten mit Pfarrerin Martina Steinbrecher und Pfarrer Gunnar Garleff Zeit, um sich über ihre Kirchenbilder auszutauschen. Verschiedenste Perspektiven wurden eingenommen, denn Kirche lebt aus der Vielfalt der Menschen. Und diese Vielfalt spiegelt sich auch im Ältestenkreis wider. Nach einem biographischen Einstieg mit Blick auf die eigene kirchliche Sozialisation und einem paarweisen Austausch auf einem Spaziergang, wurde das Erlebte und Gehörte in vier Kirchenbildern kreativ umgesetzt.

Kunstwerke regten zur Deutung an.

Ein weiterer Arbeitsschritt war die Betrachtung von gesellschaftlichen Erwartungshaltungen an Kirche. Einige Gruppen wurden exemplarisch untersucht: die Senioren, die Obdachlosen, die (kirchlich) Unerreichten und Erwartungslosen, die Lokalpolitik, die Suchenden, die Gottesdienstbesucher, die Mitglieder anderer Religionen. Die Leitfragen: Welche Gruppen erwarten/beeinflussen die Kirche? Was sind die Erwartungen und Anforderung der einzelnen Gruppen an Kirche?

Da Kirche nicht nur von den Erwartungen der Gesellschaft geprägt ist, sondern auch in ihrer eigenen biblisch-theologischen Tradition gründet, lenkte Pfarrer Gunnar Garleff in einem kurzen Referat den Blick auf die biblischen Kirchenbilder und die aktuellen kirchlichen Strukturdebatten. Anschließend wurde das Gehörte von den Ältesten intensiv diskutiert.

War der erste Tag eher allgemein von der Schärfung des eigenen Bildes der Kirche in der Gesellschaft geprägt, so fokussierte sich der Ältestenkreis am zweiten Tag auf die Friedensgemeinde. Die Wahrnehmung dessen, was im Kontext der Friedensgemeinde stattfindet und wie viele Menschen in unterschiedlichen Arbeitsbereichen und Vernetzungen die Gemeinde gestalten, erstaunt immer wieder. Da aber auch der neugewählte Ältestenkreis nicht angetreten ist, um das Bestehende nur zu verwalten, sondern auch Zukünftiges auf den Weg zu bringen, wurde er noch einmal kreativ. Im Mittelpunkt der Gespräche stand dabei immer wieder die Frage der Digitalisierung und der Öffnung der Gemeinde hin zur Stadtteilbevölkerung.

Am Ende der vielen Gesprächsrunden war sich das Gremium einig, dass die v.a. auch in der Corona-Zeit entwickelten digitalen Angebote und Kommunikationswege weiterentwickelt werden müssen, dass sie aber immer nur eine Ergänzung zu den analogen, präsentischen Formen des Gemeindelebens sein können. Letztere wiederum sollen sich vermehrt auch außerhalb der Kirchenmauern finden lassen. Die Friedensgemeinde der Zukunft wird sich auf dem Weg zu den Menschen manchen und die Friedenskirche als sicheren Hafen nutzen.

Derartige Klausurtagungen münden meist in Do Listen voller Ziele, die spezifisch, messbar, akzeptiert, realistisch und terminiert sind (SMART). Deren Formulierung geht meist leicht über die Lippen und führt schnell zu einem Zwang, die eigene Arbeit an den Zielen zu messen. In Rastatt verzichtete der Ältestenkreis auf derartig Zielformulierungen, vielmehr standen am Ende eine geschärftes Bild einer offenen, kooperativen und digitaler werdenden Friedensgemeinde, die in der Lage ist, die jeweiligen Herausforderungen der Gegenwart kreativ zu gestalten und dabei ihre bewährten Arbeitsfelder stärken wird.

Kreativität und Geist dieser Ältestenklausur finden Sie hier eingefangen in einem Video:

Klimastreik für Gottes gute Ordnung?

Nachgefragt bei dem Theologen Jan Gertz

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen.
Heute Teil 3 der Reihe.
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Weltweit, auch in Heidelberg, gehen Jugendliche freitags auf die Straße. Sie fürchten, dass ihnen durch den Klimawandel ihre Zukunft geraubt wird. In der Bibel heißt es am Ende der Noah-Geschichte unter dem Regenbogen, es sollen „Frost und Hitze, Sommer und Winter“ nicht aufhören. Ist das ein beruhigender Satz?

Prof. Jan Gertz

Wenn es darum geht, dass wir immer so weiter machen, wie bisher, dann ist der Satz sicher nicht beruhigend. Er sagt ja, dass es die naturgemäße Abfolge der Jahreszeiten geben wird, so lange die Erde steht. Das dürfte auch der Fall sein, wenn das Wasser den Menschen in vielen Gegenden der Welt bis zum Hals steht wie Noah und seinen Zeitgenossen.

Es lohnt sich, auf den Kontext zu achten. Gott gibt diese Zusage Noah und seiner Familie, die gerade die Arche verlassen haben und denen der Schreck noch in den Gliedern gesteckt haben dürfte. Sie haben in den Abgrund geschaut und als einzige ein göttliches Strafgericht überlebt. Das Beruhigende des Satzes ist, dass Gott den Menschen verspricht, er werde die Welt nicht noch einmal strafen und beinahe alles Leben auslöschen. Denn der Mensch „führt nur Böses im Schilde“. Gott verzichtet auf seinen Strafanspruch gegenüber uns schuldigen Menschen. Das finde ich beruhigend.

Das Problem, weswegen Jugendliche freitags auf demonstrieren, ist aber sicher nicht die Angst vor einem göttlichen Strafgericht, sondern eher die Einsicht, dass wir die nächste weltumspannende Katastrophe selbst herbeiführen können.

Photo by Markus Spiske on Pexels.com

Der Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ ist inzwischen zum geflügelten Wort jeder Umweltpolitik geworden. Das bezieht sich auch auf die Bibel. Im zweiten Schöpfungsbericht heißt es, Gott setzte den Menschen in den Garten Eden, „dass er ihn bebaute und bewahrte“. Kann man daraus heute eine Klimapolitik ableiten?

Ich finde den Begriff „Bewahrung der Schöpfung“ schwierig. Er klingt biblisch, wäre aber während der Entstehungszeit der biblischen Texte von niemandem verstanden worden. Das Naturerleben der Menschen in der Antike war ein gänzlich anderes als es heute der Fall ist. Die ungeordnete Natur wurde (zu Recht) als Bedrohung wahrgenommen. Der genannte Vers handelt eher von einem Privileg, das der Mensch verloren hat mit seiner Vertreibung aus dem Garten Eden.

Dennoch ist eine nachhaltige Umwelt- und Klimapolitik für die Kirchen aktuell ein zentrales Thema. Lässt sich das biblisch-theologisch begründen?

Ich denke schon! Im ersten Schöpfungsbericht steht der viel gescholtene Herrschaftsauftrag des Menschen über Erde und Tiere. Das wirkt auf den ersten Blick wie die Aufforderung, die Erde auszubeuten. Doch der Eindruck täuscht. Vielmehr wird dem Menschen der Auftrag gegeben, die gute Ordnung von Gottes Schöpfung zu schützen. Herrschaft und Ordnung sind in der Welt Bibel positiv besetzte Begriffe. Der königliche Mensch – das sind alle Menschen egal welcher Hautfarbe, welchen Geschlechts oder welchen Alters – hat als Bild Gottes eine besondere Verantwortung für die Ordnung der Welt. Und dazu gehört auch, dass wir unsere Lebensgrundlage und die unserer Nachkommen und Mitgeschöpfe nicht zerstören. Biblisch gesprochen demonstrieren die Jugendlichen freitags für Gottes gute Ordnung und gegen die Chaosmächte eines hemmungslosen Verbrauchs unserer natürlichen Ressourcen.

Prof. Dr. Jan Gertz ist Professor für Altes Testament an der Universität Heidelberg.
Die Fragen stellte Lothar Bauerochse

Die weiteren Beiträge des Schwerpunktthemas:
Editorial
Dürfen Christen SUV fahren?

Dürfen Christen SUVs fahren?

Ein Diskussionsbeitrag von Hans Diefenbacher

Nachhaltiges handeln sollte eigentlich das Schwerpunktthema im aktuellen Gemeindebrief der Friedensgemeinde sein, unter der Überschrift „Dem Leben zuliebe“. Wegen der Corona-Pandemie erschien dieser Gemeindebrief nicht. Alle Termine und Veranstaltungshinweise darin waren hinfällig geworden. Aber die Texte zum Schwerpunktthema sollen weiter zum Nachdenken und zur Diskussion anregen. Kommentieren Sie hier im Blog oder auf unserer Facebook-Seite.

Wenn  man die Rubriken „Sport Utility Vehicles“ (SUV) und „Geländewagen“ zusammenrechnet, dann gab es 2019 zum ersten Mal mehr als eine Million Neuzulassungen, 18 Prozent mehr als im Vorjahr. Der Marktanteil betrug mehr als 30 Prozent. Trotz aller Klimaproteste ist eine Umkehr des Trends nicht erkennbar.

SUVs sind Personenkraftwagen mit erhöhter Bodenfreiheit, die das Erscheinungsbild von Geländewagen imitieren: In der Regel sind sie breiter und höher, was vor allem in engen Siedlungsgebieten und in Parkhäusern zu Problemen führt; da sie auch schwerer sind, benötigen sie im Schnitt ein Viertel bis ein Drittel mehr Kraftstoff als Mittelklasse-Limousinen, mit entsprechend höherem CO2-Ausstoß. Nach dem Energiesektor und noch vor der Luftfahrt und der Schwerindustrie oder den Lastkraftwagen haben sie seit 2010 am stärksten zum Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissonen beigetragen.

Photo by Juan Di Nella on Unsplash

Für Fußgänger und insbesondre für Kinder wie auch für Zweiradfahrer ist das Risiko für schwere Unfälle mit SUVs höher, das Risiko für die Passagiere eines SUVs dagegen niedriger. Das Sicherheits- und Schutzbedürfnis ist ein Grund für die Kaufentscheidung bei einem SUV; eher im Unterbewussten mag auch eine Rolle spielen, dass die Fahrzeuge ein gewisses Überlegenheitsgefühl vermitteln, das Gefühl, sich in einer zunehmend aggressiveren Verkehrsumwelt entsprechend behaupten zu können. Das Design mancher SUVs könnte als Appell an diese Haltung verstanden werden. – Können Christinnen und Christen, die für die Bewahrung der Schöpfung eintreten, nun SUVs fahren oder sollten sie andere Fahrzeugen benutzen, um ihrem Bedürfnis nach Mobilität zu entsprechen?

Zwei grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweisen stehen hier einander gegenüber, wenn man nach Kriterien zur Beantwortung der gestellten Frage sucht: Die einen appellieren an Ethik und Moral und bemühen das „gute“ Gewissen. Die Summe der Konsumentscheidungen ist dann das Kondensat eines ökologisch korrekten Lebensstils, der oder die jeweilige Konsument oder Konsumentin ist dafür verantwortlich, den Kauf eines bestimmten Produkts nicht nur vom Preis oder der Ästhetik abhängig zu machen. Da heißt es dann, darauf zu achten, dass bestimmte Produkte mit bestimmten Labels gekennzeichnet sind, und man sollte dann aber auch den Überblick über die Vielzahl konkurrierender Kennzeichnungen behalten. Ein klares „Nein“ wäre dann vermutlich die Antwort.

Die anderen plädieren dafür, einen Rahmen für die Marktwirtschaft zu schaffen, der die problematischen Folgen der Herstellung und des Gebrauchs bestimmter Produkte – im Fachjargon: die negativen externen Effekte – schon im Preis des Produkts berücksichtigt. In einem solchen Rahmen wären die Mechanismen des Marktes intakt, das Fahren eines SUVs würde jedoch deutlich teurer, wenn alle negativen Folgen mit Kostenansätzen, die die „ökologische Wahrheit“ (E.U.v. Weizsäcker) sagen, eingepreist würden. Ein bedingtes „Ja“ wäre bei einer solchen Veränderung der relativen Preise dann die Antwort.

Ungeachtet dieser Frage sollte in jedem Fall die eigene Gestaltung der Mobilität befragt werden:

  • „Vermeiden“: Sind bestimmte Fahrten wirklich nötig?
  • „Verlagern“: Könnten Fahrten nicht durch die eigenen Füße, das Fahrrad oder durch Öffentliche Verkehrsmittel ersetzt werden?
  • „Verlangsamen“: Wird das Auto benutzt – sollten Höchstgeschwindigkeiten eingehalten beziehungsweise bei ihrem Fehlen freiwillig durch 120 km/h ersetzt werden.

Mediatipp: Die Fernsehsendung „engel fragt“ mit einer Ausgabe „Sind SUV asozial? Gehören SUV in den Innenstädten verboten oder werden SUV-Fahrer in die Ecke gedrängt“.

Weitere Beiträge zum Schwerpunktthema hier:
Editorial


https://www.tagesschau.de/wirtschaft/suv-millionen-marke-101.html

Laura Cozzi, Apostolos Petropoulos: Commentary: Growing preference for SUVs challenges emissions reductions in passenger car market, International Energy Agency am 15. Oktober 2019

https://www.nw.de/nachrichten/wirtschaft/21939564_Interview-Was-der-SUV-Kauf-ueber-die-Kaeufer-aussagt.html