Die Friedensgemeinde: Eine Kaderschmiede für Theologen

Konfirmation im Jahr 1956

Pfarrer Eckhart Marggraf, Jahrgang 1941, war von 1972 bis 2001 im Religionspädagogischen Institut der Evangelischen Landeskirche in Baden tätig, zuletzt als dessen Leiter. Der gebürtige Handschuhsheimer wurde 1956 in der Friedenskirche konfirmiert. Während seiner Jugendjahre erlebte er in der Gemeinde und im Ort eine Atmosphäre, die nicht nur bei ihm, sondern auch bei etlichen anderen die Lust daran weckte, Theologie zu studieren.

Von Eckhart Marggraf

Die große Zahl war für diese Generation Gewohnheit. In der ersten Klasse waren wir 51, aber es gab nur 50 Plätze im Alten Schulhaus in der Kirchgasse. Im Kindergottesdienst kamen oft an die 300 Kinder zusammen, sodass ich als Kindergartenkind lieber nach Neuenheim in den etwas „gesitteteren“ Gottesdienst mit der separaten „Lämmergruppe“ für die Jüngsten ging. Die „Gruppenunterweisung“ fand nach Schulklassenstufen statt. Die Gruppen verteilten sich über die ganze Friedenskirche einschließlich der Emporen. Hier wurde der damalige Theologiestudent Helmuth Vaupel mein bewunderter Katechet.

Was für eine Generation!

Was für eine Generation! Noch hatte das „Wirtschaftswunder“ sich nicht voll ausgewirkt, wenngleich das Wirtschaftswachstum im Jahr 1955 12 Prozent betrug. Mindestens zwei Drittel des Budgets einer Familie wurden für Nahrung, Wohnung und Kleidung benötigt. Autos begannen die Straßen zu beherrschen. „Freie Zeit“ wurde überwiegend im Familienkreis verbracht. Bis in die sechziger Jahre war das Radio Mittelpunkt des Feierabends. 1957 gab es erst eine Million Fernsehhaushalte. Zeitungen und Illustrierte waren verbreitet. Kino („Heimatfilme“) und Sport kamen hinzu. 80 Prozent eines Jahrgangs besuchten die Volksschule. 5 Prozent machten Abitur und nur 3 Prozent der Abiturienten stammten aus der Arbeiterschicht. Die soziale Spaltung der Gesellschaft in oben und unten war auch in Handschuhsheim unübersehbar. Das galt in und zwischen den beiden Pfarreien von Handschuhsheim noch einmal in besonderer Weise und reichte bis in die Zusammensetzung der Gottesdienstbesucher je nach Prediger. Landwirtschaft und Gärtnereien bestimmten weiterhin das Ortsbild. Auch in der Pfarrgasse sah man noch die Pferdefuhrwerke aufs Feld in den Klausenpfad hinausfahren.

Viele Konfirmanden wuchsen vaterlos auf, waren mit ihren Eltern geflüchtet, wohnten beengt. Zwar war Heidelberg von Bomben verschont geblieben, aber viele Häuser und ganze Wohnblocks waren von den Amerikanern besetzt. Der Bauboom hatte gerade eingesetzt und überall waren Zeichen einer rasanten gesellschaftlichen Veränderung zu spüren. Die Rollen der Frau und der Familie begannen sich erkennbar zu verändern. 1957 wurde das Gleichberechtigungsgesetz beschlossen, das unter anderem das alleinige Entscheidungsrecht des Mannes bei der Berufstätigkeit der Frau oder in Vermögensfragen beendete. Im selben Jahr bekam ich die gerade erschienene Dokumentensammlung zum Nationalsozialismus, die Walther Hofer zusammengestellt hatte, geschenkt mit der Widmung: „Vergangen ist nicht ungeschehen – wie viele meinen…“ Das ist mir zum Lebensthema geworden.

Mit Gehrock und Zylinder

Noch aber bestimmte eine traditionelle Kirchlichkeit das öffentliche Leben. An Karfreitag und am Buß- und Bettag waren die beiden Gottesdienste am Morgen und am Abend in der Friedenskirche bis zum letzten Platz besetzt. Sonntags füllten die Konfirmanden im Gottesdienst die Nordempore. Ihnen gegenüber saßen die Internats-Schüler des Friedrich-Stifts in der Bergstraße, die von ihrem Rektor Otto Löffler geschlossen zum Gottesdienst geführt wurden. Und dann gab es damals ja im Anschluss an die Konfirmation die zweijährige Christenlehre. Wenn Karlheinz Schoener predigte,war der Gottesdienstbesuch sogar stärker als sonst. Noch bestimmte die mittige Anordnung von Altar, Kanzel und Orgel das Bild der nach dem „Wiesbadener Modell“ in einem historischen Mischstil erbauten, rund 1200 Plätze umfassenden Kirche. Die beiden Kirchendiener trugen Gehrock, wenn sie an langen schwarzen Stangen die Klingelbeutel in die Reihen der Gottesdienstbesucher hineinschoben. Gehrock, aber vor allem der steife Zylinder, waren selbstverständlich Bekleidung der Männer bei Beerdigungen wie auch das Schwarz bei der Teilnahme am Abendmahl, das nur als getrennter Gottesdienst an den Hauptgottesdienst angehängt an wenigen Sonn- und Feiertagen im Jahr gefeiert wurde. Noch gab es zwei Liedtafeln für das alte badische Gesangbuch und das 1950 eingeführte „Neue“ EKD-weite Gesangbuch.

Kleidung war noch Mangelware. Im Schwesternhaus an der Tiefburg gab es Nähkurse, die vor allem der Änderungsschneiderei zugute kamen. So war auch mein Konfirmandenanzug irgendein Erbstück, das passend gemacht werden musste. Meinen ersten neuen Anzug konnte ich mir erst beim ersten Examen kaufen. Wir waren Flüchtlinge, die das Glück hatten, bei den Großeltern unterkommen zu können, denen dadurch die „Zwangsraumbewirtschaftung“ erspart blieb.

Wettbewerb im Auswendiglernen

Kaum etwas ist mir vom Konfirmandenunterricht geblieben: Die langen Tischreihen, wo wir nach dem Alphabet aufgereiht hintereinander saßen. Abhören des Auswendiggelernten, der bisweilen sarkastische Humor des Pfarrers, der einen bloßstellen konnte, dem man aber angesichts der absoluten Autorität wehrlos ausgesetzt war. Immerhin bemühte er sich um die Form eines fragend-entwickelnden Unterrichts. Doch er stachelte auch den Wettbewerb an, wer am besten die drei Erklärungen Luthers zum Glaubensbekenntnis und die Antwort auf die erste Frage des Heidelberger Katechismus („Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“) aufzusagen vermochte. Hängen geblieben ist mir die Antwort auf die Frage „Wie lernen wir Gott kennen?“mit ihrer damals in der theologischen Diskussion heftig umstrittenen Antwort: „Wir lernen Gott kennen durch seine Offenbarung in der Natur, in der Geschichte der Menschen und in unserem Innern; ganz besonders aber in der Heiligen Schrift.“ Entsetzt war ich über die Einführung ins Abendmahl, bei der Schoener voller Ironie eine Theatervorstellung inszenierte und einübte. Noch wurde in Handschuhsheim das Abendmahl als Wandel um den Altar von den Schranken an der Brotseite zu den Schranken der Weinseite jeweils in Vierergruppen gefeiert. Die Entdeckung des Gemeinschaftscharakters war noch nicht vollzogen.

Weltoffenes Christentum mit kritischer Sicht auf Gesellschaft und Politik

Nachhaltiger als der Konfirmandenunterricht waren für mich ohne Zweifel das Singen in der Kurrende bei Erich Hübner mit regelmäßigem Mitwirken in den Gottesdiensten oder der Extra-Chor bei Meinhardt Poppen, mit dem die Sextaner-Knaben bei der Aufführung der Matthäus-Passion in der Peterskirche mitwirken durften. Ebenso wirkte die lebendige Jugendarbeit vor allem durch die gerade neu gebildete Jungenschaft, die sich der bündischen Jugendtradition angeschlossen hatte. Aber vor allem war es die anregende Umgebung im Großelternhaus, die bei mir längst den Wunsch geweckt hatte, Pfarrer werden zu wollen. Der Großvater, Religionslehrer im Ruhestand, hatte uns schon früh biblische Geschichten anhand großer Meisterwerke der Kunst erzählt. Als Vademecum hatten wir das aus Bayern stammende „Gottbüchlein“ und dann in der Schule Jörg Erbs „Schild des Glaubens“ mit den Zeichnungen von Paula Jordan bei uns. Den Großvater begleiteten wir zu seinen Gottesdiensten als Seelsorger des Altenheims St. Anna in der Plöck. Nach der Schule holten wir für ihn in der Evangelischen Buchhandlung in der Hauptstraße die „Neue Zürcher Zeitung“ ab, die er sich mit dem Buchhändler Comtesse teilte. Bei Besuchen in Handschuhsheim an seiner Seite zu sein, war immer ein Erlebnis. Das Spektrum reichte vom Landwirt Spar im Klausenpfad bis zum Besuch beim emeritierten Alttestamentler Gustav Hölscher im arabischen Fastnachtskostüm, der mir den Gruß „Salem aleikum“ beibrachte.

Als 1954 Günther Bornkamms Jesus-Buch erschienen war, wurde daraus zuhause vorgelesen. Ein Jahr später erzählte der Großvater von Dietrich Bonhoeffers Gefängnisbriefen, die gerade veröffentlicht worden waren. Zur Konfirmation erhielt ich von einer Frankfurter Patentante ein Abonnement der „Stimme der Gemeinde“, dem Blatt des „linken“ Flügels der Bekennenden Kirche, und lernte so nicht nur Martin Niemöller kennen, der wenig später bei den ersten Demonstrationen zum „Kampf gegen den Atomtod“ auf dem Heidelberger Messplatz am Neckar zu erleben war, sondern auch Gustav Heinemann und Helmuth Gollwitzer, den spät aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrten Schüler Karl Barths. Ein weltoffenes Christentum mit einem guten Stück kritischer Sicht auf Gesellschaft und Politik waren der Nährboden, hinter dem Konfirmandenunterricht und Religionsunterricht blass blieben.

Bunte Welt in der Friedenskirche

Der Freund des Großvaters seit Kindertagen in Gernsbach und unmittelbare Nachbar Hermann Maas, den wir „Onkel Hermann“ nannten – damals Prälat und zahllosen Juden Retter und Helfer während der Nazizeit –, schenkte mir sein Israelbuch „Und will Rachels Kinder wieder bringen“ mit einer schönen Widmung in seiner großen gezierten Schrift. Aufgrund der Berichte von seinen Israel-Reisen konnten wir etwas erahnen von dem „Wunder“ nach der Shoah. In der Nachbarschaft lebten Menschen, von denen wir wussten, dass sie der Ermordung nur glimpflich entkommen waren: die Kinderärztin, die uns behandelte, die Lehrerin, die gegenüber wohnte, die Leiterin des Gemeindedienstes, die einige Straßen weiter mit der betagten Mutter lebte. Ein Jahr danach beerdigte Maas den geliebten Großvater, mit dem er Postkarten in lateinischer Sprache austauschte. Sie begannen häufig mit der Anrede: „Carissime!“. Wie die spannenden Begegnungen bei Gängen mit dem Großvater durch den Ort, bei denen wir Enkel den angeregten Gesprächen der Erwachsenen lauschten und staunten, wie der alte Religionslehrer Kontakte auch zu seinen früheren Schülern über die ganze Stadt verstreut hielt, so wurden wir Enkel als Briefträger durch den Ort geschickt und kamen in viele Häuser und Familien. Diese bunte Welt spiegelte sich am Sonntag in den Gottesdienstbesuchern in der Friedenskirche. Auf der Bank der Ältesten saß dann auch der Kirchengemeinderat Bechtel aus der Friedhofstraße, der Vater des späteren Prälaten Gerhard Bechtel, der unter der Woche in strammer Uniform mit goldenen Sternen geziert den Einsatz der Straßenbahn am Bismarckplatz koordinierte.

Es waren viele Handschuhsheimer, die in dieser Atmosphäre Lust bekamen, Pfarrer zu werden. Ich nenne nur Ernst Baier, Gerhard Bechtel, den späteren Landesbischof Klaus Engelhardt, Annemarie Grüneisen, geb. Hahn, Werner Keller, Gerhard Kreß, Dieter Oloff, Klaus Steyer, Helmuth Vaupel und Friedel Wernz.

Lebemeister und Lesemeister

Schließlich der Festtag selbst am 18. März 1956. Der Vetter meiner Mutter, der zweite Gemeindepfarrer Hans-Otto Jaeger, und seine aus der Schweiz stammende Frau Vilmette richteten das Festessen für die große Familie im Pfarrhaus neben der Friedenskirche aus. Unter den Paten war auch Hans Barner, der damalige Heidelberger Dekan. Der Großvater hielt die Tischrede über ein Wort des mittelalterlichen Mystikers Meister Eckhart, dem ich meinen Vornamen verdanke: „Ein Lebemeister frommte mehr denn tausend Lesemeister.“ Das war eine Mahnung, dass ich über meinem Lesehunger nicht die täglichen Aufgaben in der Schule vergessen sollte. Ein befreundeter Nachbar, heute emeritierter Ordinarius für alte Geschichte an der Münchner Universität, besorgte mir alle gewünschten Titel aus der Universitätsbibliothek.

Karlheinz Schoener gab mir das Pauluswort „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus“ mit auf den Weg. Das hat mir immer wieder die Richtung gewiesen.


Eckhart Marggrafs Erinnerungen sind Teil des Themenschwerpunkts zur Konfirmation im neuen Gemeindebrief der Friedensgemeinde. Dies ist eine ausführlichere Fassung seines Textes. Mehr zum Thema Konfirmation im neuen Gemeindebrief – jetzt in Ihren Briefkästen. Oder in der Kirche und im Pfarramt. Oder zum pdf-download hier.

Aus Kindern werden Leute

Neuer Gemeindebrief zum Thema Konfirmation

Die Friedensgemeinde hat ihren Gemeindebrief einer Frühjahrskur unterzogen. In dieser Woche ist er erschienen: Der neue Gemeindebrief mit der fortlaufenden Nummer 224 – aber ganz und gar frisch und neu, farbig und aktuell. So vermittelt er einen lebendigen Blick in die Friedensgemeinde. Ab jetzt hat jeder Gemeindebrief ein eigenes Thema. In dieser Ausgabe: Der Wert und die Bedeutung der Konfirmation.

GB224 Titel„Die Konfirmation ist gefragt“, schreibt Friedensgemeinde-Pfarrerin Martina Reister-Ulrichs im neuen Gemeindebrief. Denn: „Nach Angaben der evangelischen Landeskirche in Baden gehen fast alle getauften Jugendlichen eines Jahrgangs im Alter zwischen 13 und 15 Jahren zur Konfirmation. Was ihnen von anderer Seite oft unterstellt wird, dass namlich Geld und große Geschenke die ausschlaggebenden Faktoren sind, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.“

Anders als bei den voraufgehenden Generationen fällt die Konfirmation heute nicht mehr zwangslaufig mit dem Schulabschluss und dem Beginn eines „Ernst des Lebens“ zusammen, so Martina Reister-Ulrichs weiter. Die Jugendzeit ist im 21. Jahrhundert stattdessen eine Lebensphase, die sich in zwei Richtungen ausgedehnt hat. Zum einen setzt die Pubertat immer früher ein, zum andern leben junge Menschen zum Teil wesentlich länger als früher in unselbstandigen Verhältnissen. „Da setzt die Konfirmation ein Zeichen im unübersichtlichen Gelände der Jugendzeit“, schreibt Reister-Ulrichs.

Der Aspekt der Zulassung zum Abendmahl hat demgegenüber an Bedeutung verloren, so die Pfarrerin. „Seit den 90er Jahren ist es in allen evangelischen Landeskirchen gute Praxis geworden, das Abendmahl auch mit Kindern einzuüben und zu feiern. Trotzdem ist zu beobachten, dass viele Konfis sich den Gang zum Abendmahl für den Konfirmationsgottesdienst aufsparen. Dort werden sie eben nicht nur als einzelne, sondern auch als Gruppe in einen neuen Lebensabschnitt eingeführt. Diese Gruppenzugehörigkeit findet in der gemeinsamen Abendmahlsfeier einen sichtbaren Ausdruck.“

Von seinen Anfängen in der Reformationszeit und verstärkt durch Aufklärung und Pietismus kommt auch dem Unterricht in der Konfirmandenzeit ein wichtiger Stellenwert zu. Er möchte heute auf jeden Fall mehr sein als die notwendige Vorbereitung auf das Fest am Ende. Und während es im Religionsunterricht vor allem um gelehrte Religion geht, soll im Konfirmandenunterricht und auf Freizeiten Religion erlebt und praktiziert werden. Konfirmiert, also bestärkt werden, ist eben nicht nur ein einmaliger Akt, sondern ein Prozess, der für sich und mit anderen eingeübt werden will.

Eigentlich beneidenswert, findet Martina Reister-Ulrichs: Zeit und Raum zu haben fürs Unverfügbare, fürs Unwissbare, fürs Unheimliche und einen ehrlichen Umgang damit.


 

Den ausführlichen Text von Pfarrerin Martina Reister-Ulrichs und mehr zum Thema Konfirmation finden Sie im neuen Gemeindebrief. Ab jetzt in Ihren Briefkästen! Oder in Kirche und Pfarramt. Oder als pdf-download hier.

„… denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen“

Flucht und Fluchtgeschichten in der Bibel

Die Bibel ist eine große und einzigartige Sammlung von Fluchtgeschichten. Die Bibel weiß: Seit Anbeginn sind Menschen auf der Flucht, werden vertrieben, müssen ihr Haus und ihre Heimat verlassen. Aus welchen Gründen auch immer. Gerade ihnen aber gilt Gottes besondere Zusage und Nähe. Das ist der herausfordernde Kern der jüdisch-christlichen Überlieferung: Wer auf der Flucht ist, bleibt nicht allein. Gott geht mit.

Von Lothar Bauerochse

RefugeesWer die Bibel aufschlägt, liest schon auf den allerersten Seiten von Menschen auf der Flucht. Adam und Eva! Sie sind Vertriebene. Sie müssen das Paradies verlassen, werden hineingestoßen in die Ort- und Heimatlosigkeit. Und das setzt sich fort bei den Vätergeschichten der hebräischen Bibel. Abraham verlässt seine Heimat und macht sich auf die Suche nach einem neuen Ort. Ihn treibt ein Versprechen an, nämlich dass es ein großes und segensreiches Land für ihn geben wird. Heute würde man Menschen, die ihre Zelte abbrechen und ihre Heimat verlassen mit der Sehnsucht nach einem besseren Ort für ein besseres Leben wohl Wirtschaftsflüchtlinge schimpfen. Für Abraham aber wird es gleichsam zum Kennzeichen seiner Existenz, zu einer theologisch bedeutsamen Grundaussage über sein Leben: „Mein Vater war ein heimatloser Aramäer“ heißt es später im Buch Deuteronomium über ihn: „Er zog nach Ägypten, lebte dort als Fremder“. Ein Satz, der für Israel Bekenntnis-Rang hat.

Wer alles in der Bibel auf der Flucht ist: Propheten wie Jona oder Jeremia, Kain, nachdem er seinen Bruder getötet hatte, Jakob floh vor seinem Bruder Esau, David vor Saul.

Das ganze Volk Israel war auf der Flucht, der Tyrannei und Sklaverei mit knapper Not durchs Wasser entkommen, mit der Sehnsucht im Herzen nach einem Land, wo „Milch und Honig fließen“, wo es sich in Freiheit gut leben lässt. Generationen lang dauert diese Flüchtlings-Existenz. Und auf der Flucht macht dieses Volk eine theologisch wichtige Erfahrung: Dass nämlich Gott mitgeht und mit dabei ist auf dieser Flucht.

Und das Volk Israel macht diese Erfahrung immer wieder in seiner Geschichte. Vertreibung, Flucht, Exil. Prophetische Stimmen helfen den Geflohenen, diese Situation theologisch zu deuten, als wichtige Glaubenserfahrung: Gott ist nicht gebunden an das Zentrum der Macht mit seinen Heiligtümern. Sondern er ist bei denen, die sich als Fremdlinge durchschlagen, die auf die Hilfe anderer angewiesen sind, um Wurzeln schlagen zu können, und die dort, wo es sie hin verschlägt, versuchen ein neues Leben aufzubauen. „Suchet der Stadt Bestes“ schreibt der Prophet Jeremia den Flüchtlingen.

Maria und Joseph vor GrenzzaunDa verwundert es eigentlich nicht, dass auch dem Sohn Gottes die Erfahrung der Flucht gleichsam mit in die Wiege gelegt ist. Weil der neugeborene König der Juden und Heiland der Welt dem weltlichen Herrscher ein Dorn im Auge ist, müssen Josef und Maria mit dem neugeborenen Jesuskind fliehen, nach Ägypten. Gott selber ist es, der diese Flucht anstößt und auch begleitet. Im Hebräerbrief wird dieser Grundklang der menschlichen Existenz als ein Leben auf dem Weg in den bezeichnenden Satz gebracht: „Wir haben hier keine bleibende Stadt. Die zukünftige suchen wir.“

Jesus hatte es ja vorgemacht. Der selber keine wirkliche Heimat kannte, der unterwegs war zu den Menschen, die selbst heimatlos waren, an den Rand gedrängt, die ihre Wurzeln verloren hatten: Witwen und Waisen, arme Leute, Kranke und Schwache. Und das nicht einfach zufällig, sondern als theologisches Programm, als zentrale Glaubensübung: „Die Füchse haben Gruben, die Vögel haben Nester. Aber der Menschensohn hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann“, so überliefern die Evangelisten Matthäus und Lukas ein bekanntes Jesuswort.

Flüchtlingskind an Hand eines HelfersFluchterfahrungen in der Bibel sind in zwei Richtungen bedeutsam. Zum einen die tröstende Zusage für all diejenigen, die auf der Flucht sind, dass Gott sich ihnen in besonderer Weise zuwendet. Es ist aber auch bedeutsam für diejenigen, die beheimatet sind, die ein Haus haben, die Wurzeln schlagen konnten. Ihnen gilt die Aufforderung, nicht zu vergessen, dass Flucht und Vertreibung zum Menschsein dazu gehören und dass Flüchtlinge die Zuwendung und Nähe Gottes in der Zuwendung und Nähe der Menschen spüren sollen. „Wenn ein Fremdling bei euch wohnt in eurem Lande …“, so heißt es im 3. Buch Mose, „… den sollt ihr nicht bedrücken. Er soll bei euch wohnen wie ein Einheimischer unter euch, und du sollst ihn lieben wie dich selbst; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland. Ich bin der Herr, euer Gott.“

Theologisch ist das die Schlüsselstelle für das rechte Verständnis von Flucht und Vertreibung und den angemessenen Umgang mit Flüchtlingen im Licht der biblischen Tradition: Die Zuwendung zu den Flüchtlingen ist untrennbarer Teil der Gottesbeziehung. Der EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat es so ausgedrückt: Gott macht sich die Sache aller Fremden zu Eigen. „Ich bin euer Gott, ich habe die Fremdlinge lieb. Also habt auch ihr die Fremdlinge lieb.“ Bedford-Strohm spricht von einer „Ethik der Einfühlung“: „Stell dir vor, du wärest in dieser Situation. Würdest du dir nicht auch eine faire Behandlung wünschen?“ In diesem Sinne ist auch das große Gleichnis vom Weltgericht im Matthäus-Evangelium zu verstehen. Der Umgang mit dem Fremden wird zum Prüfstein für den Umgang mit Christus selbst gesehen: „Ich bin ein Fremder gewesen,“ sagt Jesus, „und ihr habt mich aufgenommen.“

Deshalb, so der bayerische Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzende Bedford-Strohm, gehört es gegenwärtig zu den wichtigsten Aufgaben von Christen und von Kirchen, daran zu erinnern, dass Flucht immer Teil war der Menschheitsgeschichte, und dass Gott sich den Entwurzelten und Heimatlosen in sehr besonderer Weise zuwendet. Diese Empathie, diese „Ethik der Einfühlung“ ist es, die Christenmenschen dazu bewegt, sich zu engagieren.


Dieser Beitrag ist entstanden als Artikel für die Zeitschrift „Gemeinde leiten“ und erscheint dort im März in der Ausgabe 2/2016.

Fotos: fotolia.de

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Scharfes Wort

Ein Zeitansage zu den Wortgefechten unserer Tage

Predigt am Sonntag, 31. Januar 2016

Von Pfarrer Dr. Gunnar Garleff

„Mit alles,“ sagt der Typ vor mir im Dönerladen. Doch noch bevor der Dönermann den schönen Fladen mit allem, was er hat, beladen kann, wird er gestoppt: „Nicht doch, ach nein, Moment, halt ein,“ ruft in letzter Sekunde der Typ vor mir, der König Kunde. „Mit alles,“ wiederholt er brav, „mit alles – aber ohne scharf!“ – „Is kein Problem, sagt Dönermann, „ist Hähnchendöner, is kein Lamm“ (Quelle: kirchengeschichten.blogspot.de)

Wir hören den Predigttext aus dem Hebräerbrief im vierten Kapitel:

Denn das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens. Und kein Geschöpf ist vor ihm verborgen, sondern es ist alles bloß und aufgedeckt vor den Augen Gottes, dem wir Rechenschaft geben müssen.“ (Hebr. 4,12-13)

Liebe Gemeinde,

„mit alles, aber ohne scharf“ – ich gebe zu, das bestelle ich auch oft beim Dönermann. Die schönen Geschmäcker ja, der Genuss von Salat, fettigem Fleisch mit guter Soße – da muss nun wirklich nicht der brennend-schneidende Schmerz der Schärfe hinein.

I. Evangelium – aber bitte nicht zu scharf

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – das ist wohl auch eine gute Charakterisierung von Volkskirche und Predigtalltag. Bitte lieblich, anrührend, sanft, wohlklingend, die Musik seicht, fein, harmonisch.
Klare Worte, bitte – Evangelium – aber nicht zu scharf. Es ist Sonntag, da soll es sonnig sein. Und so lassen wir gerne alles weg, was verstört. Noah sieht den Regenbogen und wir vergessen den Gestank und den Lärm auf der Arche. Von den Toten und der Zerstörung des Lebens auf der Erde bis auf einen kleinen Rest ganz zu schweigen. Wir hören laut das „Fürchte dich nicht!“, aber das scharfe Richterwort Gottes, das flüstern wir nur. Wir feiern die Nettigkeit Jesu, der Blinde sehend, Lahme gehend, Taube hörend gemacht hat, aber seine scharfen Tönen gegen Israel, seine Kritik, die Androhung, dass die Axt schon am Baum hängt – ach sei’s drum.
Verstörendes bitte nicht in der Kirche. Und das Kreuz, ja das wollen wir sehen, aber die Stille und die Dichte des Kreuzesgeschehens überspielen wir recht bald mit Osterfreude. Und Gott, ja Gott, der ist lieb. Soll der auch zornig sein können? Nein, nicht doch – viel zu schmerzhaft. Mit alles, aber ohne scharf!
Von der Kanzel bitte Erbauliches. Von der Kanzel bitte Herzliches. Denn destruktive Worte hören wir doch schon genug.

II. Es gibt zu viele Scharfmacher

Wir sind umgeben von scharfen Worten. Da pöbelt der Mob auf der Straße wieder gegen Ausländer. Da hören wir erschütternde Nachrichten von Entführten, von Vergewaltigen, von Toten. Nachrichten, die Stimmung erzeugen und dann stellt sich heraus: Stimmt gar nicht! Aber die Worte bleiben in der Welt, auf dem Server und erzeugen Gefühle.
Und die wirklichen Opfer von Gewalt, hilft es ihnen, wenn zukünftig noch mehr der Wahrheitsgehalt ihrer Geschichte hinterfragt wird? Und die vermeintlichen Täter, die dann doch keine waren?

Es gibt zu viele Scharfmacher mit stumpfsinnigen Worten. Stumpfe Messer richten meist mehr Schaden an, als scharfe! Und stumpfe Worte erst recht! Ja, Worte und Nachrichten werden zu Drohgebärden, aber die scharfen Worte lösen dann doch keine Probleme. Im Gegenteil: Sie töten, sie machen kraftlos. Sie machen immun. Aber sie heilen nicht. Mit jeder Hysterie der Empörung steigt die Polarisierung und Dämonisierung. Die Panik macht neue Gesetze, die dann gar nicht umsetzbar sind. Das hysterische Geschrei der stumpfen Worte – der Scharfmacher führt zum Verlust des Maßvollen, der Mitte, der Werte. Eine abgestumpfte Gesellschaft und Menschheit aber kann nicht gut sein.
Es ist entsetzlich, dass es heute möglich ist, Menschen, deren Meinung, Haltung und Ethik man nicht teilt, mit Worten zu diffamieren, sie als Faschisten, Vergewaltiger und Hochverräter zu brandmarken und es geht scheinbar immer noch schlimmer.
Dass die Täter inzwischen Klarnamen verwenden – ist nur auf den ersten Blick ein Fortschritt, auf den zweiten Blick ist es alarmierend, denn sie rechnen mit Zustimmung der Masse. Wird Cybermobbing, wird Bashing zum Mainstream im gesellschaftlichen Diskurs?
Die stumpfen Verbalentgleisungen unserer Tage, die in sozialen Netzwerken, in Talkshows und ja selbst auf Versammlungen unter Nachbarn mit leichter Hand und lockerer Zunge gestreut werden, die sind nicht scharf, die sie verletzend, zerstörend, diffamierend. Vor allem lösen sie keine Probleme, denn dazu bräuchte es Schärfe und Ehrlichkeit: Nicht alles ist einfach mal zu lösen – in der Flüchtlingsfrage und in der Integration derzeit schon gar nicht.
Die Lage ist ernst! Und das beginnt im Kleinen, das beginnt, liebe Konfis, schon da, wo ihr in euren Gruppen und Chats euch beleidigt und herablassend äußert.
Es mag für wenige lustig sein, aber jene die ihr zu Opfern macht, empfinden mehr – sie empfinden nicht nur mehr Schmerz, sie empfinden auch mehr Freude!
Der egoistische Spaß der Mobber auf Kosten anderer aber wird am Ende nicht zur Freude für die Täter!

Das Wort Gottes aber ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

III. Christliches Abendland: Aufmerksam für das Leiden, offen für die Fremden

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – Zum Wort aus dem Hebräerbrief passt das nicht. Das Wort Gottes ist nicht einfach nur lebendig und kräftig. Das Evangelium ist nicht einfach nur Wohlfühloase – wie man sich es wünschen könnte. Nein, Gottes Wort ist mehr. Es ist schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch alles hindurch – sauber, glatt und wirkungsvoll.
Der Hebräerbrief ist kein Brief mit Schongang. Nein, er ist eine erinnernde Mahnung an ein wanderndes Gottesvolk. Eine Mahnung zur Zuversicht. Eine Ermutigung zum „Wir-schaffen-das!“ Dieses Wort der Kanzlerin, das ja manchem schon als Verbalentgleisung und Gesetzesbruch gilt, liegt ganz deutlich auf der Linie dieses Briefes, wenn es da heißt:

„Denn wir haben an Christus Anteil bekommen, wenn wir die Zuversicht vom Anfang bis zum Ende festhalten.“ – (Hebr 3,14)

Fotos: fotolia.de

Der Hebräerbrief erinnert uns an die Wüstengeneration Israels, an ihren Ungehorsam, an ihr Murren, an ihr Zweifeln am „Wir schaffen das!“ Den Christen als wanderndem Gottesvolk aber ist die Zuversicht Christi eingeschrieben. Und diese Zuversicht treibt zum Hören und Tun.
Es reicht nicht aus einfach nur das christliche Abendland zu preisen und beschützen zu wollen. Nein, wenn das Christentum nicht nur Worthülse ist und nicht stumpfes Wort, mit dem sie auf der Straße Politik machen, dann muss es ein Christentum des Handelns sein.

Und dieses Handeln ist dreierlei:
(1) Es ist Hören. Jesus hat sich den Menschen zu gewendet. Hat sie gehört, hat das Gespräch mit ihnen gesucht. Er hat ihr Leiden gesehen und es geheilt. Der Heilung ging die Wahrnehmung voraus.
Und das heißt für uns: Aufmerksam sein für das Leiden, für den Zweifel, für die Sorgen unserer Nachbarn. Nicht vor schnell moralisch urteilen über jene, die sich auch in unserem Stadtteil fürchten vor dem Fremden. Aber auch einmal innehalten und sagen: Auch wenn die Schlagzeilen zum Armutsbericht suggerieren, dass alles schlimmer wird: Nein! Es geht den meisten Menschen in diesem Land heute besser als noch vor 20, 30, 40 Jahren. Aber andere, die haben wirklich Not und nicht nur Neid gegenüber ein paar Menschen, die reicher als nötig sind.

(2) Es ist Neugier auf das Fremde. Jesus hat sich das Fremde vertraut gemacht. Ja, er hat die Erfahrung des Fremdseins in sich getragen. Er lehrte die Schrift und war den Schriftgelehrten und Pharisäern ein Fremder. Er war ein Flüchtling in Ägypten und blieb selbst seinen Jüngern ein geheimnisvoller Fremder. Und dennoch wendete er sich der Syrophönizerin zu und der Frau aus Samaria. Er lehrte die Feindesliebe und die Nächstenliebe.
Und für uns heißt es: Ein christliches Abendmahl gibt es nicht ohne die Option für die Fremden und die anderen, ohne die Option für die Armen und ohne die tätige Nächsten- und Feindesliebe. Progrome, Brandstifter jeder Art, Pauschalverurteilungen haben keinen Platz im christlichen Abendland. Nein, Jesus überwand die engen Grenzen seines Volkes und sein Evangelium wurde zum Evangelium auch für die Heiden und Fremden. Das Evangelium für die Völker, für Europa kam übrigens aus Syrien.
Aber auch das gehört zum biblischen Wort dazu: Die Wahrhaftigkeit. Nicht für alles gibt es einfache schnelle Lösungen. Das sollten sich die Scharfmacher bewusst machen. Der kurze, einfache Weg ist dem wandernden Gottesvolk verwehrt. Der Weg zur Ruhe und ins gelobte Land ist weit. 40 Jahre! Also keine Illusionen, aber Vertrauen: Gott schenkt uns Zuversicht und wir werden den Weg des Miteinander finden.

(3) Es ist Netzwerken. Jesus hat sich Verbündete gesucht. Er hat sich ein Netzwerk aufgebaut. Keine Helden, einfache Menschen, Menschen mit Mut und Zweifel. Aber dieses Netzwerk der Jüngerinnen und Jünger hat er ausgesendet, um die Botschaft der Liebe und Hoffnung zu verbreiten. Mit ihnen zusammen ist er zu den Menschen gegangen, zu den Zöllnern und Sündern. Manchmal waren die Jünger durchaus zögerlich, zweifelten selbst an der moralischen Rechtmäßigkeit ihres Besuchs. Aber ist es nicht der einzige Weg zum Frieden, denen das Heil und die Freundschaft an zu bieten, die verloren zu sein scheinen.
Und für uns heißt es: Ein Netz bilden. Ein Netz, das die Sorgenvollen und Ängstlichen unterstützt. Das deutlich macht: Ihr seid nicht allein. Wir teilen nicht eure Meinung, aber wir zeigen euch, dass man durch Tun und verbale Abrüstung, durch Schritte aufeinander zu, Frieden schaffen kann.
Ja, wir können uns gemeinsam engagieren und den Skeptikern und Ängstlichen, aber auch den Stumpfsinnigen zeigen: Wir schaffen das – irgendwie – und bauen am Frieden. Denn wir haben Schärfe! Die Schärfe des Christlichen kann man jeden Tag in unserem Gemeindehaus sehen. Die Freundlichkeit, die Gelassenheit, die Herzlichkeit mit denen unser Helferteam die Flüchtlinge beim Deutschkurs unterstützt hat. Sie strahlt vielfach zurück. Sie erwärmt die Herzen derer, die sich begegnen!

IV. Der Schmerz über die Schärfe ist die Quelle des Mitgefühls

Das Wort Gottes aber ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens.

Jesus hat nicht nur die Liebe gepredigt. Er hat mit scharfen Worten und Antithesen schneidend und scheidend, ja quasi chirurgisch invasiv den Weg zum Herz frei gelegt. Er hat das Gericht angemahnt und zugleich die Gnade Gottes gezeigt. Das ist kein „mit alles, aber ohne scharf“.

„Denn Schärfe ist kein Geschmack, sondern ein Schmerz. Mit alles, aber ohne scharf, ist der Wunsch nach einem Leben mit ohne, ohne Scherben, Steine, Schrott und Schroffes, Schwarzes und Schattiges, Schluchzen, Schocks und Stolperfallen, Schrilles und Schwieriges, Schrecken und Schwere, Schatten und Schaden, Schwielen und Schwellen, Schürfwunden, Schleudertrauma, Stauchungen und Schleifspuren, Schluchten und Steilhänge, ein Leben ohne Scheiße, ohne Schuld und Sterben.“ (Quelle s.o.)

„Mit alles, aber ohne scharf!“ – das mag es im Dönerladen geben, aber nicht im Leben. Das Wort Gottes aber ist das Wort des Lebens:

Es ist das Wort der Liebe,
Das Wort der Wunder
Das Wort der Weisheit.
Das Wort vom Kreuz.

Das Wort ist scharf, es ist sogar Lamm! Jesu Ende war verstörend. Ein Opferlamm am Kreuz – Offenbarung der Schuldverstrickung des Menschen. Wir alle leben auf Kosten anderen Lebens. Das Kreuz ist Schärfe – der Schmerz, der sein muss und ohne den es das Leben nicht gibt.
Stumpfen wir nicht gegen dieses Wort ab. Erinnern wir uns lieber von Zeit zu Zeit an den Schmerz des Lebens. Es ist nicht nur unser Schmerz, es ist auch der Schmerz der Mitmenschen. Vielleicht ist dieser Schmerz der Schärfe auch die Quelle der Liebe und des Mitgefühls, der Keim der Hoffnung und der Mut zum „Wir schaffen das!“ Am Kreuz ist die Schuld gegenwärtig und überwunden zugleich.
Das wandernde Wüstenvolk – macht nicht nur schmerzliche Erfahrungen. Es erlebt auch die volle Güte des Lebens: Manna und Wachteln, so viel du brauchst. Es hört die Verheißung von Milch und Honig und es ist befreit von der Knechtschaft. Das ist doch was. Das wandernde Gottesvolk ist frei – mit Schmerz und Liebe und einem Gott an seiner Seite, der selbst am äußersten Meer noch seine Hand über dich hält und sagt: Fürchte dich nicht. Ich werde sein, der ich sein werde – ganz gewiss: Mit allem, was Leben ist.

Der vor mir beim Dönermann.
Der sagt: Mit alles, aber ohne scharf.
Und der Dönermann sagt:
Das gibt es hier nicht;
wir haben nur das Leben.

Amen.


 

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Neujahrsgruß

„Gott spricht: Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet
(Jesaja 66,13)

Eine Mut machende Losung für das Jahr 2016, das in so unruhigen Zeiten begonnen hat.

2015-krippe-2Mit einem Blick auf und in den Altar der neuen Friedenskirche, der an Weihnachten die Krippe aufgenommen hat, wünschen wir allen Mitgliedern und Freunden der Friedensgemeinde ein frohes und gesegnetes Neues Jahr!

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