Zeitzeugen über die Nachkriegsjahre in Handschuhsheim

Verschwörung des Schweigens


Wie war das damals, als der Zweite Weltkrieg endlich vorüber war? Wie gingen Handschuhsheimer Christen, wie ging die Friedensgemeinde, auch in den Jahrzehnten danach, mit den Erfahrungen und Verstrickungen in der Zeit des Nationalsozialismus um?

In einem Zeitzeugengespräch erzählten Ende September fünf Handschuhsheimer und eine Handschuhsheimerin der Jahrgänge 1926 bis 1941, alle konfirmiert in der Friedenskirche während der 1940er und frühen 1950er Jahre, was sie in der Gemeinde, mit den Pfarrern der Kriegszeit und mit deren Nachfolgern erlebt haben.

Eingeladen dazu hatte Prof. Dr. Dr. Hans Jörg Staehle gemeinsam mit dem Religionspädagogen und Kirchenhistoriker Eckhart Marggraf. Damit sollte der Ökumenischen Abend „Aufarbeiten oder schweigen?“ vorbereitet werden (wir haben die Berichterstattung der RNZ über diesen Abend auf unserer Facebook-Seite dokumentiert). Prof. Staehle hat das Gespräch in einer Fassung dokumentiert, die alle Beteiligten zur Veröffentlichung autorisiert haben. Ihre Berichte und Eindrücke fügen sich zu einem lebendigen, vielschichtigen und facettenreichen Bild – einem Zeugnis der Zeitgeschichte in Handschuhsheim.

Die vollständige Dokumentation als PDF-Datei können Sie hier herunterladen und lesen.

Uns interessiert: Welche eigenen Erinnerungen haben Sie an diese Zeit? Welche Fragen oder Ansichten dazu?
 Ihre Kommentare und Ergänzungen sind uns herzlich willlkommen! Nutzen Sie die Kommentarfunktion hier im Blog oder auf unserer Facebook-Seite.

Einige Auszüge aus dem Gespräch:

„Die politischen Hintergründe waren uns damals völlig unbekannt, auch was die Positionen der beiden Handschuhsheimer Pfarrer anging. In den Predigten wurde Propaganda für das NS-Regime betrieben, das war für uns eine Selbstverständlichkeit. Etwas anderes hätte uns geradezu stutzig gemacht.“

„Man muss sich vorstellen, das waren in den Nachkriegsjahren über 300 Kinder im Kindergottesdienst. Ich bin nach einer gewissen Zeit nicht mehr in den Kindergottesdienst nach Handschuhsheim gegangen, weil es mir dort schlicht und einfach zu laut war.“

„Handschuhsheim war vor, während und nach der NS-Zeit führend, wenn es um rechtsradikale Parteien ging. Noch Mitte der 1960er Jahre hatte die NPD einen Wähleranteil von teilweise über 15 Prozent. Als die Lyrikerin Hilde Domin in der Nachkriegszeit im Hainsbachweg von Handschuhsheim gewohnt hat, sind Neonazis mit Schäferhunden wochenlang vor ihrem Haus aufmarschiert und haben geschrien ‚Juden raus‘.“

„Es gab auf der Ebene der Kirchengemeinden keine Auseinandersetzung über die Zeit des Nationalsozialismus. Es existierte zwar eine ganze Reihe von Gesprächsgruppen und -kreisen, die sich regelmäßig trafen. Aber das ist alles nicht in die Gemeinde hineingedrungen. Jeder hat einen großen Bogen darum gemacht.“

„Diejenigen, die das NS-Regime tatkräftig gestützt hatten, haben sich nach dem Krieg als ‚verführte‘ Opfer dargestellt. Eine echte Entnazifizierung hat es in der Kirche nicht gegeben.“

„Man hatte ein schlechtes Gewissen und Scham. Jeder wusste was vom anderen, das hat zu dieser ‚Verschwörung des Schweigens‘ geführt. Man durfte nicht daran rühren.“

„Der Handschuhsheimer Pfarrer Liedke hat 1990, also immerhin 45 Jahre nach dem Krieg, in einer Predigt für den Jahrgang einer Goldenen Konfirmation das Thema erstmals angeschnitten und dabei die Pfarrer Höfer und Vogelmann mit ihren NS-Sprüchen zitiert. Das kam bei einigen Teilen der Gemeinde nicht gut an.“

„Wie kommt es, dass damals (in den 1950ern) die Gemeinde so lebendig war? … Wo gab es denn beispielsweise sonst in Deutschland einen evangelischen Posaunenchor, der den Katholiken bei Fronleichnam ausgeholfen hat? Solche Sachen sollte man erzählen.“

Ihre Kommentare zu diesen Erinnerungen bzw. zu dem gesamten Gespräch können Sie hier ganz einfach über die Kommentarfunkton eingeben!

Veröffentlicht von Lothar Bauerochse

Mitglied im Ausschuss für Öffentlichkeitsarbeit der Friedensgemeinde.

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