Horizonte weiten

von Gunnar Garleff

Anmerkungen und Erklärungen zum Strategieprozess der Evangelischen Kirche

In nahezu allen evangelischen Landeskirchen sind Reform- und Strategieprozesse in Gange. Sie sollen die Kirchen zukunftsfähig machen für eine Zeit mit weniger finanziellen Mitteln, mit weniger Pfarrerinnen und Pfarrern und vor allem auch mit weniger Mitgliedern. Auch die badische Landeskirche hat ihren Strategieprozess im vergangenen Jahr gestartet, mit dem sie einerseits eine Transformation der kirchlichen Strukturen und Handlungsfelder anstrebt und andererseits eine Reduktion der kirchlichen Kosten um 30 % bis zum Jahr 2032. Von den eingesparten Mittel sollen allerdings ein Drittel als Investitionen in neue kirchliche Formen, in die Digitalisierung und das Ziel einer klimafreundlichen Kirche verwendet werden.

In den kommenden Monaten möchten die Beiträge in diesem Blog immer wieder Denkanstöße liefern für eine Kirche, die um ihren Auftrag weiß und die zugleich nicht in ihren Traditionen und gegenwärtigen Strukturen verharrt, sondern durch gute organisierende und strukturelle Entscheidungen zu einer Kirche wird, die immer wieder neu die Kommunikation des Evangeliums Jesus Christi hin zu den Menschen gestaltet. Die Transformation der Kirche kann dabei wohl nur gelingen, wenn wir in der Kirche unsere Horizonte weiten, nicht nur zurück schauen, sondern auch nach vorne sehen; wenn wir nicht nur auf das schauen, was wir haben, sondern auch auf das, was uns entgegenkommt; wenn nicht nur auf das schauen, was wir sicher haben, sondern auch auf das, was noch hinter dem Horizont verborgen ist.

Teil1:
Warum braucht die evangelische Kirche einen Strategieprozess?

Eines vorneweg: Der Begriff Strategieprozess ist kein theologischer Begriff. Aus theologischer Sicht, also orientiert an Schrift und Bekenntnis, ist die Kirche eine Präsenz des Heiligen Geistes in der Welt und damit ein Glaubensgegenstand. Die Kirche wird durch Gott, als den, der sich in Worte fasst, konstituiert. Und sie wird durch Gott gelenkt und geleitet. In dieser Konstitution und Eigenschaft entzieht sich die Kirche der Verfügbarkeit menschlicher Gestaltungsmacht. Zugleich aber existiert die Kirche in der Welt. Die sichtbare Kirche ist eine Handlungs- und Interaktionsgemeinschaft von Menschen. Diese sichtbare Kirche ist sehr wohl in ihrer Existenz und Struktur, in ihrer Organisation abhängig von kirchenleitenden Entscheidungen. Wie alles menschliches Handeln ist dabei auch die das kirchenleitende Handeln stets ein geschichtliches und geschieht unter den Voraussetzungen der jeweiligen Lebenswelt.

Warum als braucht die sichtbare, die wahrnehmbare Kirche, die Kirche also, die eine Institution und Organisation ist, einen Strategieprozess?

1. Die Kirche muss auf gesellschaftliche Entwicklungen reagieren. Schon von Anbeginn ihrer Geschichte an war sie zu unterschiedlichen Zeiten herausgefordert, ihr Handeln und ihre Struktur zeitgemäß zu gestalten.

2. Die Kirche spürt zunehmend die Auswirkungen der gesellschaftlichen Megatrends. Die Bindungskraft der großen Institutionen und Organisationen lässt nach. Die Kirche hat in den letzten Jahrzehnten einen massiven Mitgliederrückgang erlebt. Die Selbstverständlichkeit der Kirchenmitgliedschaft ist nicht mehr vorhanden. Die parochiale Organisation und damit die flächendeckende Struktur der Kirche muss entsprechend angepasst werden.

3. Zu dieser Anpassung gehört, dass der Gebäudebestand der Kirche (Gemeindehäuser und Kirchen) angesichts der sinkenden Mitgliederzahlen überdimensioniert ist. Er ist angesichts des prognostizierten Mittelrückgangs bei gleichzeitigem Renovierungsstau und der Herausforderung der Klimaneutralität in seiner heutigen Gestalt nicht mehr zu finanzieren.

4. Die Kirche hat ein Nachwuchsproblem in den kirchlichen Berufen. In den kommenden Jahren wird es zunehmend schwieriger werden, die kirchlichen Stellen (Pfarrstellen und Diakonenstellen) zu besetzen.

5. Trotz einem vielfältigen und engagierten kirchlichen Leben vor Ort werden gerade die jüngeren Generationen (20-40jährige) durch die Kirche kaum mehr kommunikativ erreicht. Die klassische Struktur der Ortsgemeinden (ein Dorf, eine Kirche, ein Gemeindehaus, eine Pfarrperson) bindet vielfach große Ressourcen für wenig Reichweite.

6. Die kirchlichen Strukturen und Handlungsfelder (z.B. Diakone und Gemeinde, Klinikseelsorge, Religionsunterricht etc.) haben sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend nebeneinanderher entwickelt und stehen heute vielfach unverbunden nebeneinander.

Dies sind nur einige Aspekte, die einen Prozess der Erneuerung der kirchlichen Organisation notwendig macht. Dieser Strategieprozess ist von zwei Leitmotiven geprägt: Transformation und Reduktion.

Dazu heißt es auf der Website der badischen Landeskirche zum Strategieprozess:

„Wir wollen auch in Zukunft auf Menschen zugehen und in der Gesellschaft präsent sein. Dafür braucht es neue Formen kirchlichen Lebens und Spielraum für kreative Ideen. Und die Art der Zusammenarbeit muss sich weiterentwickeln. In den Stadtkirchenbezirken wird das anders aussehen als auf dem Land, im evangelischen Kernland anders als in der Diaspora. Transformation nennen wir dieses Ziel des Prozesses. Hier kann und soll Neues entstehen. Dafür werden wir anderes auch lassen.

Das zweite Ziel ist sehr klar und auch schmerzhaft: Reduktion. Prognosen zeigen deutlich: Die künftigen Kirchensteuereinnahmen werden nicht ausreichen, um weiterzumachen wie bisher. Deshalb hat die Landessynode beschlossen, bis 2032 insgesamt 30% aller Haushaltsmittel einzusparen. Wir müssen zukünftig mit weniger finanziellen Mitteln, mit weniger Gebäuden und auch mit weniger Personal Kirche gestalten. Weil jede Transformation auch Geld kostet, werden ein Teil der Einsparungen wieder investiert, um Kirche zukunftsfähig zu machen. Gedacht ist u.a. an die klimafreundliche Sanierung von Gebäuden und den Ausbau der Digitalisierung.“

Die Perspektive des Strategieprozesses ist die Kirche 2032. Bis Ende 2023 sollen die Kirchenbezirke ihre Strategie in Beratungsprozessen auf allen Ebene erarbeiten. Dabei wird es vor allem um folgende Fragestellungen gehen:

  1. Welche Bilder von Kirche leiten uns?
  2. In welchen Formen und Angeboten wollen und können wir vor Ort den kirchlichen Auftrag wahrnehmen?
  3. Wozu brauchen uns die Menschen und die Gesellschaft?
  4.  Welche Gebäude (Kirchen, Gemeindehäuser, Pfarrhäuser) können wir aufgeben und welche sind für eine wahrnehmbare Kirche notwendig und finanzierbar?
  5. Welche Strukturen der Mitarbeit brauchen wir, um möglichst viele Menschen in der Stadt mit der Botschaft des Evangeliums zu erreichen?
  6. Welche Formen kirchlicher Mitgliedschaft und in Anspruchnahme wollen wir?

Trotz des klaren Reduktionsziels liegt der Schwerpunkt auf der Transformation. Denn eine Reduktion kirchlicher Angebote allein (z.B. einfach die Kürzung von Kirchensteuerzuweisungen) ist nicht hinreichend, wenn sie nicht mit der Transformation des Gemeindebildes, des Pfarrbildes und des kirchlichen Selbstverständnisses einhergeht und dies auch in konkreten strukturellen Transformation (z.B. mehr Vernetzung, mehr Regionalisierung, mehr multiprofessionale Teams) einher geht.

Der Strategieprozess in Heidelberg steht noch am Anfang. In den nächsten Monaten wird es verschiedene Veranstaltungsformate für Gremien und Menschen geben, denen die Kirche am Herzen liegt. In diesem Blog will ich versuchen in der nächsten Zeit einige grundlegende kirchentheoretische Aspekte zu beleuchten.

2 Kommentare zu „Horizonte weiten

  1. Danke, lieber Gunnar, für deine Aufführungen, die ich nur bestätigen kann. Ja, es wird schwer werden, eine Lösung zu finden, mit der wir Kirche in Heidelberg für die Zukunft gestalten können. Ich hoffe, dass wir ein Hauen und Stechen um die deutlich weniger werdenden Ressourcen vermeiden können. „Die in Hendesse“ und „die in Rohrbach“ (meine Gemeinde) sollen nicht gegeneinander ausgespielt werden. Lasst uns positiv zusammen in die Zukunft schauen und uns auf das Wesentliche konzentrieren, was die evangelische Kirche ausmacht.

  2. Vielen Dank für einen Überblick über das, womit wir uns als Gemeinde und Kirche jetzt und künftig noch mehr auseinander zu setzen haben. Das wird spannend, und der Tat – das wird kein Spaziergang werden. Im Gegenteil, die Wege werden steiniger und das tut weh. Diese Wege werden auch lebendige und motivierte Gemeinden zu begehen haben.

    Weitaus schwieriger noch zu beurteilen ist die große Frage, welche Entwicklungen die Kirchen aufgrund der aktuellen Missbrauchsdebatte nehmen werden. Vielen Kirchenmitgliedern ist inzwischen egal, welche Konfession mehr betroffen ist, und sie unterscheiden in ihrem Urteil über das Verhalten der Kirche nicht mehr nach Konfessionen. Der Glaubwürdigkeitsverlust trifft beide Kirchen, auch wenn die Diskussionen zZ vorwiegend in der katholischen Schwesterkirche stattfinden. Es wird zu allen neuen und dann auch hoffentlich gelingenden Veränderungen innerhalb der Kirche auch darauf ankommen, ob wir als Kirchen wieder Vertrauen gewinnen, oder ob der generell beschleunigte Mitgliederschwund so weitergehen wird. Damit würden dann plötzlich weitere und ganz andere Fragen im Raum stehen, die wir eigentlich überhaupt nicht möchten.
    Ich möchte damit kein neues Faß aufmachen, diese Fragen höre ich jedoch immer öfters, auch außerhalb der Gemeinden bei Menschen, die sonst wenig Kontakt zu einer Kirchengemeinde haben, und (noch) Mitglieder der Kirche sind..

    Ansonsten bin ich auch gespannt und neugierig auf die nächsten Aspekte in den kommenden Newslettern.

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