Gänsehaut-Momente beim Wohnzimmergottesdienst
Die Herbstreihe des Evangelischen Forums beschäftigt sich in diesen Wochen mit der „Zukunft der Kirche in der Stadt“. Aber diese Zukunft beginnt schon jetzt an vielen Orten. Dort, wo Neues ausprobiert wird, wo Experimente gewagt werden. Pfarrerin Kim Dilay Thiem berichtet von Erfahrungen aus der Wohnzimmerkirche in Freiburg. Erfahrungen, die Sie jetzt mitbringt nach Neuenheim und Handschuhsheim.
„Sag doch mal: Was ist eigentlich ein guter Gottesdienst?“
Ich vermute, wenn ich dazu eine Umfrage mit fünf Personen machen würde, erhielte ich fünf individuelle Antworten. Das ist wundervoll und bereichernd – bedeutet aber auch, dass eben nicht jeder Gottesdienst auf jeden oder jede passgenau zugeschnitten sein kann.
Während es in der Regel möglich ist, sich auf bestimmte Elemente zu einigen, die einen Gottesdienst überhaupt erst zu einem Gottesdienst werden lassen (singen, beten, Gottes Gegenwart feiern, auf sein Wort und dessen Auslegung hören, Gemeinschaft erleben, Trost und Hoffnung finden) – in der konkreten Umsetzung ist dann jedoch schnell festzustellen: Die Ausgestaltung sollte gut bedacht werden.
Welche Art von Gebet, welche Art Musik, welche Art Verkündigung passt zu welcher Zielgruppe? Nicht zuletzt gehört auch die Frage nach dem Setting, nach dem kirchlichen Raum dazu.
Begrüßen Sie die neue Pfarrerin für Handschuhsheim und Neuenheim:
Herzliche Einladung zur Einführung von Kim Dilay Thiem
am Sonntag, 11. Oktober, um 15 Uhr in der Johanneskirche Neuenheim.
Wer also braucht was, um stimmungsvoll und angemessen Gottesdienst zu feiern?
Vielleicht sollte die Frage eher nicht lauten: „Was ist ein guter Gottesdienst?“, sondern: „Welcher Gottesdienst passt zu wem?“
Dem trägt Rechnung, dass neben den etablierten Formen der agendarischen Gottesdienste auch alternative Gottesdienstformen die Gottesdienstlandschaft bereichern.
Verschiedenste Formate für Kinder und Familien werden in Gemeinden erprobt und neu etabliert. Krümelkirche, Chaoskirche oder Kirche Kunterbunt heißen sie und bieten oft ein umfangreiches Programm vom Familiengottesdienst über Bastelaktionen bis hin zum gemeinsamen Essen.
Auch für Erwachsene gibt es mittlerweile unterschiedlichste Möglichkeiten, Gottesdienst zu feiern. In Kirchenräumen auf Bänken und Stühlen oder auch unterwegs auf dem Fahrrad. Mit Liedern von Paul Gerhardt oder von Coldplay. Mit Verkündigung als „Preacher Slam“ oder als Literaturpredigt. Gemeinden werden kreativ und probieren mutig Neues aus.
So hat sich auch in Hamburg ein Team aus Haupt- und Ehrenamtlichen gefragt: Welche Art von Gottesdienst passt zu uns? Was brauchen wir, damit wir uns wohlfühlen? Wohin würden wir auch unsere Freund*innen und Nachbarn mitnehmen? Daraus entstand das Format der Wohnzimmerkirche.
In der Beschreibung auf wohnzimmerkirche.de heißt es: „Als erstes fliegen die Bänke raus. Wir tragen ein Sofa rein und hängen eine Lichterkette auf. Stühle, Sessel, kleine Tische. Und Stehlampen! Wir holen die Welt rein und machen aus der Kirche ein Wohnzimmer für alle. Einen Ort, an dem wir uns zuhause fühlen. An dem wir so feiern, wie wir es mögen.
In der Mitte steht der Fragomat. Das ist ein alter Kaugummiautomat, den wir mit Fragen füllen. Die sind groß und manchmal kratzig, sie öffnen den Kopf. Wir suchen nach neuen Worten für alte Geschichten. Es gibt kein Vaterunser, weil das nun mal dazugehört. Die Bibel klingt bei uns nach Tagebuch. Wir sitzen in kleinen Gruppen, Kerzen flackern, jemand holt sich ein Bier. Irgendwann gibt es Brot und Käse und die Kirche summt wie ein Bienenkorb, weil alle mit allen reden.
Wir singen Lieder von Clueso oder was neu Gedichtetes. Die Orgel hat heute Abend frei. Wir probieren aus, wie das sein könnte: eine Kirche, die in unser Leben passt. In der wir berührt werden und berühren. Wenn wir am Ende „Lights will guide you home“ singen, ist das ein Gänsehautmoment, nicht weniger als ein Gebet.“
Mittlerweile gibt es in ganz Deutschland Gemeinden, die Wohnzimmerkirche feiern. Überall ein bisschen anders, angepasst an den jeweiligen Ort und die Menschen.
In Freiburg gibt es statt Bier Bionade und im Sommer werden die Sofas auf den Kirchplatz getragen. Ein Team aus überwiegend Ehrenamtlichen trifft sich zu einem Warm-up. Sie legen das Thema des Gottesdienstes fest, erkunden einen biblischen Gedanken oder eine biblische Geschichte und sammeln anschließend dazu große und kleine Fragen für den Fragomat. Für die Musik probt das Musikteam.
Eine Wohnzimmerkirchen-Community bildet sich und sie bleibt auch über den Gottesdienst hinaus miteinander in Kontakt: über eine Chatgruppe und einen Instagram-Kanal.
Welcher Gottesdienst passt zu dir? Welches Format passt zu uns? Worauf haben wir Lust und womit fühlen wir uns wohl?
Ich bin gespannt und freu mich auf einen Austausch, auf eure Gedanken und Wünsche!
Kim Thiem
In der Herbstreihe des Evangelischen Forums „Die Zukunft der Kirche in der Stadt“ wird in dieser Woche fortgesetzt mit einem Vortrag des Heidelberger Diakoniewissenschaftlers Prof. Dr. Johannes Eurich zum Thema „Kirche im Quartier. Über die Rolle von Kirche und Diakonie im Sozialraum“
Am Donnerstag, 8. Oktober, 19 Uhr im Johanneshaus
Der Beitrag stammt aus dem Gemeindebrief/Doppelpunkt für Handschuhsheim und Neuenheim, Ausgabe Juli bis November 2026, mit dem Schwerpunktthema „Orte für Ideen. Kirche neu erleben“.
Fotos: privat

